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Jenseits der Leinwand: Die versteckte Schönheit der Kunstgeschichte Teil III

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Oft genug wird sie belächelt, doch das Interesse an ihr ist ungebrochen: die Kunstgeschichte. Und auch wenn ich vielleicht geglaubt habe, mit meinen Beiträgen über Leonardo da Vinci und Michelangelo (oder auch über die Erfindung der Zentralperspektive) eine eher kleine, aber interessierte Minderheit anzusprechen, so haben mir die Besucherzahlen das Gegenteil bewiesen: so viele von euch lieben die Geschichte über die Kunst und ihre Meisterwerke, die Zeiten, die sie prägten und die Menschen, die sie schufen! Und aus diesem Grund möchte ich euch die Biografie und die Werke jenes Malers auf keinen Fall vorenthalten, der unerwartet und unverhofft meine Liebe für die Kunst entfachte: der rebellische Caravaggio, das einzigartige Enfant Terrible und kriminelle Genie des Barock.

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Licht, Schatten und die Schönheit des Skandals: Caravaggio

Wie es sich für jeden guten Künstler gehört, war Caravaggio selbstverständlich nicht der Geburtsname dieses skandalösen Ausnahmetalents, das am 29. September 1571 in der norditalienischen Lombardei geboren und auf den bürgerlichen Namen Michelangelo Merisi getauft wurde. Während „Caravaggio“, sein selbst gewählter Künstlername, eine bescheidene Hommage an seinen Geburtsort darstellt, mag sein bürgerlicher Vorname von den Eltern ganz bewusst gewählt worden sein, um ihre Hoffnung auf die glänzende Zukunft ihres Sprösslings zum Ausdruck zu bringen: Michelangelo, so wie der große Michelangelo, il Divino, der als berühmtester Künstler des 16. Jahrhunderts seine Auftraggeber und Zeitgenossen mit Werken wie dem „Jüngsten Gericht“ oder seinem „David“ begeisterte.*

Porträt des Caravaggio: Ottavio Leoni artist QS:P170,Q389768, Bild-Ottavio Leoni, Caravaggio, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Im Gegensatz zu seinem gottgleichen Namensvetter ließ Caravaggio als Kind jedoch noch kein besonderes Kunsttalent erkennen. Und dennoch schickte seine Mutter ihn im Alter von nur 12 Jahren in die beste Malerwerkstatt Mailands zur Lehre; auch dies im Gegensatz zum großen Michelangelo, der sich gegen die gewaltsame Sturheit seines Vaters durchsetzen musste. Hier erlernte Caravaggio nicht nur alle Techniken der Renaissance-Malerei, sondern geriet auch in Berührung mit den Naturstudien Leonardo da Vincis und der Kunst der Lichtführung in der sakralen Malerei – die Grundlagen seiner zukünftigen Arbeiten.

Auch wenn Mailand als Ausbildungsort bestens geeignet war für den jungen Caravaggio – die damalige Hauptstadt der italienischen Kunstwelt lag jedoch in Rom. Hier kämpften ehrgeizige und vor allem solvente Kleriker und Aristokratenfamilien um die prächtigsten und aufsehenerregendsten Kunstwerke, die im ausgehenden 16. Jahrhundert insbesondere einem Zweck dienen sollten: der Verherrlichung und Verdeutlichung der Macht des katholischen Glaubens im bildgewaltigen Kampf mit der Reformation, die durch Martin Luther ab 1517 ihren Siegeszug durch Europa begann.

Kunst, die dem Leben folgt

Fruchtkorb: Caravaggio artist QS:P170,Q42207, Canestra di frutta (Caravaggio), als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Und bildgewaltig – das war der junge Caravaggio, der mit 20 Jahren nach Rom zog und sich mit 22 Jahren in die Selbstständigkeit wagte. Zunächst überzeugte er mit imposanten und realitätsnahen Stillleben, später mit seinen zahlreichen Werken, die durch seine eigenwillige Interpretation der Antike und der Bibel sowie das alltägliche Leben Roms geprägt wurden. Wichtig war ihm, dass die Kunst dem Leben folgt, und so zeichnete er die Menschen in seinen Werken realitätsgetreu, bediente sich öfter römischer Prostituierter als Modell, und ließ ihre Körper den Gesetzten der Physik folgen. Auf ihren Gesichtern sind echte Emotionen zu sehen, sie weinen, leiden, betrügen, beobachten – und sie sterben, so wie die berühmte „Medusa“ auf einem Holzschild, die die Empörung über ihren Tod hinauszubrüllen scheint, oder die Mutter Gottes, die auf Caravaggios „Marientod“ blass, erschöpft und aufgedunsen auf ihrem Totenbett beklagt wird.

Schild der Medusa: Caravaggio artist QS:P170,Q42207, Medusa by Carvaggio, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Gnadenlos bezeugt Caravaggio die Echtheit seiner Figuren nicht nur durch die physikalischen Gesetze, die ihre Bewegungen leiten, sondern auch durch die irdischen Kulissen, in denen er sie verankert, und ihre zutiefst menschlichen Tätigkeiten, die das Bildgeschehen begleiten und umrahmen. Caravaggios Menschen sind keine entrückten Heiligen, sondern sie leben in Kneipen und Spelunken, sie betrügen ihre Mitmenschen im Kartenspiel oder sind durch Wein und Trunk angeheitert. Sie sind schmutzig, ihre Füße sind bedeckt mit dem Dreck der Straßen, sie sind alt und runzlig, jung und verführerisch, alltäglich und durchschnittlich. Und sie werden dramatisch ausgeleuchtet von diesem Meister der Lichtführung – geradezu strahlend treten sie vor dem dunklen Bildhintergrund zu tage, während nur wenige Farben den Blick des Betrachters vom zentralen Bildgeschehen und den Emotionen eines jeden Beteiligten ablenken können.

Und genau hier liegt die Macht des Caravaggio, sein Talent und seine Einzigartigkeit: in der realistischen Gestaltung seiner Darsteller und der alltäglichen Bühne, auf der sich die dramatischen Szenen seiner Bilderzählung abspielen, egal ob biblisch oder weltlich. Seine Gemälde wirken so echt, so wirklich, fast wie Fotografien, nur noch dramatischer. So wie sein berühmter „Narziss“, das Bildnis eines Jünglings, der sich im eignen Spiegelbild verliert. Jenes Werk, das mich durch seine unglaubliche Kunstfertigkeit, die erzählerische Gabe und emotionale Aussagekraft so sehr erschüttert hat, dass sich mein Blick auf die Kunst und ihre Geschichte für immer verändert hat.

Narziss: Caravaggio creator QS:P170,Q42207 , Narcissus-Caravaggio (1594-96) edited, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Genie und Wahnsinn

Dank seines offenkundigen künstlerischen Talentes, seines Mutes zur Innovation in Zeiten der Sitten- und Religionskämpfe und seines frechen Hanges zur Provokation gelangte Caravaggio schnell zu einiger Bekanntheit in der römischen Kunstwelt. Zudem erkannte er früh die wirtschaftlichen Vorteile davon, autorisierte Kopien seiner Werke auf dem sich neu entwickelnden, internationalen Kunstmarkt zu vertreiben. Und nicht zuletzt gelang es ihm durch sein emsiges Netzwerken, sich eine lautstarke Anhängerschaft aufzubauen und die Gunst eines wohlhabenden und kunstaffinen Kardinals zu gewinnen, der ihn in seine Obhut nahm. Dieses starke soziale Netzwerk, das Caravaggio sich in den kirchlichen und aristokratischen Kreisen aufgebaut hatte, versorgte ihn nicht nur mit zunehmend lukrativeren Aufträgen (wobei es ihm nie gelang, in die erste Reihe der päpstlichen Hofkünstler aufgenommen zu werden), sondern schützte ihn und seine ausufernden Eskapaden auch vor der irdischen Justiz.

Amor als Sieger: Caravaggio creator QS:P170,Q42207 , Amor Vincet Omnia, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Denn auch dies nährt den Mythos Caravaggio und die Faszination für dieses eigenwillige Ausnahmetalent: seine Skandale und Ausschweifungen, die nächtlichen Überfälle und Prügeleien, die Verschmähungen seiner Feinde. Caravaggio war kein frommer Mann, kein devoter Untertan, der dem Willen der Obrigkeit folgte, und er war vermutlich in vielen Fällen auch ganz einfach kein netter Mensch.

Berufliche Widersacher ließ er durch populäre Spottgedichte verschmähen, von seinen Freunden verlangte er, dass sie ihn aus Respekt stets zuerst begrüßten (und wurde sonst handgreiflich), und persönliche Feinde ließ er die Faust oder seinen Degen spüren. Und obwohl es zu Caravaggios Lebzeiten üblich war, dass insbesondere junge aristokratische Männer aus Spaß an Raubüberfällen und Prügeleien beteiligt waren, so blieb die römische Justiz nicht tatenlos und verhaftete den launischen Hitzkopf immer wieder für seine körperlichen Übergriffe. Dank seines zunehmenden Bekanntheitsgrades sowie verschiedener bedeutsamer Fürsprecher wurde Caravaggio jedoch ein ums andere Mal zügig und ohne weitere Konsequenzen aus der Haft entlassen – was seinen Stolz und seine Bereitschaft zur Gewalt noch weiter anstachelte.

Ein Leben im Exil

Doch auch Caravaggio konnte sich nicht dauerhaft auf sein Glück und die Milde der Justiz verlassen. Als er eines Abends mit den Söhnen des Kommandeurs der Engelsburg (dem Strafgefängnis des Vatikans) zusammenstieß und einen davon mit seinem Schwert erschlug, endete die Nachsicht der römischen Obrigkeit, und er musste Rom fluchtartig verlassen, um einer Verurteilung wegen Totschlags zu entkommen. So zog es ihn im Jahr 1607 erst nach Neapel ins Exil und anschließend nach Malta, wo er einem angesehen Ritterorden beitrat, der insbesondere der Rehabilitation straffälliger Aristokratensöhne diente. Doch auch hier konnte der temperamentvolle Maler sich nicht zurückhalten und beteiligte sich an einer blutigen Auseinandersetzung, für die er im August 1608 in Untersuchungshaft landete.

Berufung des Hl. Matthäus: Caravaggio artist QS:P170,Q42207, CaravaggioContarelli, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Um seiner aussichtslosen Lage zu entgehen, wagte Caravaggio einen halsbrecherischen Fluchtversuch aus dem Gefängnis, der tatsächlich gelang. Vom Ritterorden nunmehr schmählich ausgeschlossen, floh er Hals über Kopf nach Sizilien und letztlich zurück nach Neapel. Während all dieser Stationen gab er die Kunst jedoch niemals auf und arbeitete weiterhin an kirchlichen und privaten Kunstwerken, die nun verhaltener ausfielen, aber dennoch nicht weniger eindrücklich.

Doch Caravaggio konnte Rom nicht vergessen und hegte weiterhin die Hoffnung, dass ihm die Verbrechen der Vergangenheit in den Jahren seines Exils verziehen wurden. Und so brach er hoffnungsvoll im Sommer 1610 in Richtung Rom auf. Unterwegs ereilte ihn jedoch ein Fieberschub, und er starb am 18. Juli 1610 im Küstenort Porto Ercole, ohne Rom ein letztes Mal wiederzusehen. Seine Kunst jedoch überlebte ihn und seine Techniken verbreiteten sich rasend schnell in der abendländischen Kunstwelt – eine neuer Stil, der Caravaggismus, wurde geboren.

Die Schönheit des Alltäglichen

Auch wenn Caravaggio selbst Kunstwerke von einzigartiger Schönheit schuf, so ist seine eigene Lebensgeschichte kein Triumph der Schönheit über die Hässlichkeit, von Licht über Dunkelheit, Gerechtigkeit über Ungerechtigkeit. Im Gegenteil: das Leben dieses Ausnahmekünstlers war geprägt von seiner Freude an der Gewalt, seinem Durst nach Vergeltung, seinem Hochmut und Spott und seinem Blick für den Tod, den Schmerz und die Grausamkeit, die in nahezu all seinen Werken ihren Ausdruck finden.

Und doch, trotz seiner menschlichen Verfehlungen, hat Caravaggio zurecht seinen Platz im Olymp der Kunstgötter gefunden. Denn es sind eben genau diese Qualitäten seines Lebens, die der Mann aus Norditalien in seine Werke einfließen ließ, die die gefällige, gottesfürchtige Kunst seiner Zeit wegführen sollten in eine Kunstwelt, die die menschlichen Seiten des Seins, die dunkle Realität seiner Zeitgenossen in den Mittelpunkt stellte. Dramatisch ausgeleuchtet wie Schauspieler auf einer Bühne, um jedes noch so banale, profane und realistische Detail zu betonen und den Betrachter in die Komposition der Bilder einzubeziehen, und dadurch ultimativ zum Mitwisser, Mitläufer, Mitspieler seiner Geschichte zu machen.

Die Kunst ist also nicht immer schön, und ihre Erzeuger nicht die gottgleichen Lichtgestalten, zu denen wir sie manchmal verklären. Auch ein roher Geist kann Schönes schaffen, Licht und Schatten erzeugen, und das Leben so darstellen, wie es in alle seinen Facetten ausfällt. Das ist der Unterschied eines Caravaggios und seiner Werke zu unserer heutigen, vermeintlich perfekten Instagram-Welt, in der keine Falten, keine Poren, keine Unebenheiten des menschlichen Gesichtes und Körpers mehr zu finden sind – und damit nichts, was durch seine Mängel und Unzulänglichkeiten der tatsächlichen Welt, der wirklichen Realität entspräche.

Wenn man Gemälde wie das des Narziss betrachten kann, wer braucht da noch die weichgezeichneten Selfies unserer modernen, selbstverliebten Influencer?

*Möglicherweise erhielt Caravaggio den Vornamen „Michelangelo“ aber auch nur aufgrund seines Geburtstages, der mit dem Namenstag des Erzengels Michael zusammenfiel.

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Nachschlag?

Vahland, K. (2018). Mit der Wucht der Gefühle. GEO EPOCHE EDITION Nr. 17: Die großen Maler Teil 1: Von Sandro Botticelli bis Jan Vermeer (1475-1675)*, 17/2018, 98-117.

Witting, F. & Patrizi, M.L. (2012). Caravaggio*. New York, USA: Parkstone Press International.

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Warum gibt es diesen Wissenshappen?

In Zeiten, in denen sich die Welt konstant verändert und die Zukunft unvorhersehbar ist, fällt es oftmals schwer, einen Sinn für das Vergangene zu haben. Das Leben, das wir heute führen, ist schließlich anstrengend genug. Doch sind wir nicht die ersten Menschen, die sich durch wirre und beängstigende Zeiten kämpfen. Auch unsere Vorfahren folgten ihren individuellen Lebenswegen durch gesellschaftliche Umbrüche, widrige Umweltbedingungen, Krankheiten, Kriege und soziale Unruhen, und so manch einer schaffte es dennoch, die eigenen Sehnsüchte und Wünsche, kollektiven Träume und unkonventionelle Gedanken in einzigartigen Kunstwerken festzuhalten. Einer jeden Zeit, auch der unseren, ist es vorherbestimmt, eines Tages aus der Gegenwart zu fallen und in die Geschichte überzugehen, und es ist die Aufgabe künftiger Generationen, sich ihrer zu erinnern. Die Kunstgeschichte – als oft belächeltes Fachgebiet – bietet uns einen einzigartigen, ästhetischen und persönlichen Zugang zur Vergangenheit und dem Leben und Wirken unserer Vorfahren. Sie ist somit weit mehr als ein respektables Senioren- oder Zweitstudium – sie ist ein eindrucksvolles Zeugnis der menschlichen Geistes- und Schaffenskraft.

Was sollte unbedingt verdaut werden?

Michelangelo Merisi, besser bekannt als Caravaggio, gilt als das rebellische Genie des Barock. Zu einem gewissen Teil verdankt er diesen Ruf seinen innovativen und provokanten Kunstwerken, die auf nie zuvor gesehene Weise das Schöne mit dem Hässlichen, das Heilige mit dem Profanen kombinieren und durch eine atemberaubende Lichtführung und Kontrastsetzung brillieren. In Zeiten, in denen die Kunst die Herrlichkeit der katholischen Kirche widerspiegeln sollte, stellten Caravaggios nur allzu menschliche Bildprotagonisten eine gewagte und riskante Ausnahme auf dem abendländischen Kunstmarkt dar, die bereits zu seinen Lebzeiten eine beachtliche Anhängerschaft fand. Zu einem Großteil beruht der „Mythos Caravaggio“ jedoch auf seinem unkonventionellen Privatleben, das geprägt war von seinem Hang zum Spott und Hochmut, zur Vergeltung und Gewalt und das letztlich nach seiner Verbannung aus Rom zum frühen Tod im Exil führte.

Disclaimer:
Der obenstehende Text wurde auf Grundlage der gelisteten Quellen erstellt, ist aber explizit unter Berücksichtigung der subjektiven Erkenntnisse, Vorlieben und dem persönlichen Verständnis der Autorin aufzufassen. Es handelt sich nicht um eine wissenschaftliche Ausarbeitung mit akademischen Anspruch, sondern um eine Zusammenfassung von Geschehnissen und Erzählungen nach individuellem Stil und Empfinden der Autorin. Ausnahmslos jeder Wissenshappen möchte Freude am Wissen schaffen, aber nicht als Fachliteratur verstanden werden. Über Anmerkungen, Ergänzungen, Lob oder Kritik freut sich die Autorin und lädt jeden Leser dazu ein, über die Kommentarfunktion Kontakt aufzunehmen.

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Schlagwörter: , , , , Last modified: 29. Januar 2024