Written by: Geschichte Kultur

In Gottes Samen: Der Schöpfungsmythos des Alten Ägyptens

Reading Time: 8 minutes

Es gibt Themenbereiche, die universell als überaus interessant und aufregend gelten und für die wir uns alle, zu irgendeinem Zeitpunkt in unserem Leben, fast ausnahmslos begeistern können. Das Alte Ägypten mit seinen Pharaonen, Pyramiden, Hieroglyphen und mysteriösen Göttern zählt sicherlich zu einem dieser faszinierenden Themengebiete. Wie so viele von euch vermutlich auch, entwickelte ich als Kind eine kurzzeitige Leidenschaft für diese vergangene Hochkultur und verschlang jedes Buch, das ich zu den Ägyptern finden konnte.

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Und nun als Erwachsene muss ich mir schamvoll eingestehen, dass von diesem kindlich erarbeiteten Wissen so gut wie gar nichts in meinem Langzeitgedächtnis hängen geblieben ist. Die Faszination besteht fort, aber der Wissensschatz ist verschwunden. Wie peinlich!

Aber vielleicht stehe ich mit meiner Scham gar nicht alleine da, und möglicherweise ist es dem einen oder anderen von euch ebenso ergangen?

Mit dieser Hoffnung im Herzen möchte ich in einer kleinen Wissenshappen-Serie das Wissen über diese faszinierende Hochkultur erneuern und die Mythologie der Alten Ägypter vorstellen. Da diese ein äußerst komplexes Konstrukt darstellt, das sich über viele Jahrtausende hinweg weiterentwickelt, abgewandelt und verschmolzen hat, möchte ich um Nachsicht bitten, falls ich manche Geschichten zu stark vereinfache, und dabei mögliche Erweiterungen, Ergänzungen, Ausschweifungen und Querverweise auslasse. Ein Wissenshappen soll, erklärtermaßen, Freude bereiten, erhebt jedoch nie den Anspruch auf absolutes Wissen.

Ein Sturkopf und sein Samen – Re als Schöpfergott des Alten Ägyptens

Bevor wir auf einzelne, ausgewählte Gottheiten eingehen, ist es ratsam, den altägyptischen Schöpfungsmythos zu erörtern – bzw. ausgewählte Varianten davon, da auch dieser (wie alles in der ägyptischen Mythologie) in unterschiedlichen Versionen existiert. Einer der Gründe hierfür liegt im polytheistischen Glauben der Alten Ägypter, die ca. 1.500 unterschiedlichen Göttern huldigten. Noch dazu waren sie fleißige und tolerante Sammler, die über die Jahrtausende hinweg immer wieder neue Gottheiten in den ägyptischen Pantheon aufgenommen, miteinander verschmolzen, abgewandelt oder gar (wie man heute so schön neudeutsch sagt) gecancelt haben.

Wie begann also das Leben im Kosmos der Ägypter? Nun, selbstverständlich mit einem starrsinnigen Mann, der sich Kraft seines puren Willens einfach selbst in die Existenz wünschte. Die Rede ist hierbei von Re, dem berühmten Sonnengott bzw. je nach Quellenlage auch Atum, der als „Schöpfergott“ verehrt, aber stark mit Re verschmolzen wurde (in dieser Kombination wird er Re-Atum genannt). Wer jetzt schon verwirrt ist, der sei gewarnt: dieses sowohl als auch der ägyptischen Gottheiten wird nur noch schlimmer werden, wir stehen ja erst am Anfang. Der Einfachheit halber werden wir uns erstmal auf Re konzentrieren.

Re schuf sich also Kraft seiner Gedanken selbst in die große, dunkle und wässrige Weite, die das Urchaos darstellte und Nun genannt wurde. Möglicherweise wurde er aber auch durch die Götter Ptah und Amon/Amun erschaffen oder er schlüpfte aus einem Ei der Göttin Neith (wo diese Schöpfer wiederum herstammen, kann ich leider nicht sagen). So richtig einigen konnten sich die alten Ägypter bezüglich ihre Schöpfungsgeschichte also nicht, aber auch wir Menschen der Neuzeit vertreten schließlich unterschiedliche Meinungen über den Ursprung allen Seins.

Wer keine Wahl hat, hat die Qual – der inzestuöse Stammbaum der ägyptischen Götter

Der nächste Part der Schöpfungsgeschichte wird nun ein wenig „schlüpfrig“. Denn kaum, dass Re seinen Weg (wie auch immer der nun aussah) ins Urchaos Nun gefunden hatte, tat er das, was vermutlich viele Männer ebenfalls in dieser Situation täten: er masturbierte in den leeren Raum hinein.*

Ja, das habt ihr richtig gelesen.

Polyester,fi:Käyttäjä:kompak, Eye of Ra, CC BY-SA 3.0

Und weil Re natürlich göttliche Potenz besaß, entstand aus diesem Samen das Zwillingspärchen Shu und Tefnut. Shu galt als Gott der Luft und Tefnut als Göttin der Feuchtigkeit oder des Feuers (auch hier existieren unterschiedliche Meinungen), und beide hatten zu Beginn ihrer Existenz nichts Besseres zu tun als erstmal in der Unendlichkeit der Urwelt verloren zu gehen. Das Verschwinden seiner Kinder stürzte Re in große Trauer, und so schickte er eines seiner Augen los, um sie wiederzufinden.

Ja, auch das habt ihr richtig gelesen.

Das fleißige „Auge des Re“ konnte seinen Auftrag erfolgreich erfüllen und die Zwillinge zum Vater zurückbringen. Da Re in der Zwischenzeit die Unverschämtheit besessen hatte, sein fehlendes Auge zu ersetzen, wurde das Auge des Re bei der Rückkehr erstmal sehr zornig. Um es zu beruhigen, setzte Re es kurzerhand in seiner Stirn ein, wo es fortan über die Welt herrschen sollte, und mit der Sonne assoziiert wurde.

Der mittlerweile dreiäugige Re war über die Rückkehr seiner Kinder so glücklich, dass er ein paar Tränchen vergoss – aus denen wiederum die Menschen entstanden. Und es schien ihm nichts auszumachen, dass seine Zwillingskinder in Anbetracht der geringen Auswahlmöglichkeiten… nun ja, damit begannen, sich gemeinsam fortzupflanzen.

(Ja, ihr lest immer noch richtig!)

Verbotene Liebe – die Geschichte von Nut und Geb

Shu und Tefnut zeugten gemeinsam die Kinder Nut und Geb, die Göttin des Himmels und den Gott der Erde. Und auch dieses Geschwisterpaar hatte nichts Besseres zu tun, als sich miteinander zu paaren. Tatsächlich sollen Nut und Geb in einer Umarmung gefangen gewesen sein, doch da Nut ständig die gemeinsamen Kinder auffraß und Geb deswegen leicht verstimmt war, griff ihr Vater, Shu, beherzt in das Geschehen ein und trennte das Geschwisterpaar voneinander, indem er die Göttin Nut von Geb wegzog und nach oben hob. Zwischen den beiden Geschwistern, die voneinander getrennt wurden, entstand nun eine Blase, in der das Leben im Urchaos möglich wurde – ein Ort für die Existenz der Menschen.

Photographed by the British Museum; original artist unknown, Geb, Nut, Shu, gemeinfrei, Wikimedia Commons

In einer weiteren Variante des Schöpfungsmythos wird erzählt, dass Re von Nut erwartete, seine Frau zu werden, sie jedoch ihr Herz an ihren Bruder Geb verlor. (Ich kann gar nicht sagen, welche Konstellation ich schlimmer finde: Großvater mit Enkelin oder Bruder mit Schwester…) Aus Zorn belegte Re sie mit einem Fluch, demzufolge sie „in keinem Monat und in keinem Jahr“ ein Kind gebären sollte. Da das ägyptische Ziviljahr jedoch 360 Tage betrug und 5 Tage zusätzlich hinzugefügt wurden, um den ägyptischen Kalender mit dem Sonnenkalender in Einklang zu bringen (und weil der Gott Thot den Mond im Damespiel besiegte und 5 Tage gewann), konnte Nut in diesen 5 Tagen Kinder gebären. Und so zeugte sie mit Geb gemeinsam die berühmten Götter Osiris, Horus, Isis, Seth und Nephthys.

Und täglich grüßt die Unterwelt – die himmlische Reise des Re

Zum Abschluss dieses Wissenshappen möchte ich den ersten Gott der altägyptischen Mythologie ein wenig näher vorstellen, der wiederum den Ursprung der meisten anderen Götter sowie der Pharaonen bietet: Re (oder auch Ra), der Sonnengott. Da Re über Jahrtausende hinweg verehrt wurde, wurde er oft und gerne mit anderen oder auch neuen Gottheiten der altägyptischen Religion verwoben, so dass beliebte Formen wie Amon-Re, Re-Atum oder Re-Harachte (eine Vermischung mit dem Gott Horus bzw. seiner Unterform Harachte) entstanden. Sein Ursprung und seine „reine“ Form finden sich in Heliopolis, der Stadt des Sonnengottes. Dargestellt wird er meistens in der Form eines Menschen mit Falkenkopf, auf dem eine Sonnenscheibe thront.

Die Ägypter glaubten, dass die Sonne jeden Tag erneut aus der Erde entsteht und dass Re im Laufe des Tages in einer Barke von Ost nach West durch den Himmel segelt und nachts von West nach Ost die Unterwelt Duat durchquert. Dabei nimmt er im Laufe dieses Zyklus andere Formen an: Am Morgen erscheint er als Chepre/Khepri in Form eines Skarabäus (Mistkäfers), am Mittag als Unterform des Horus und am Abend als Atum. Auf seiner nächtlichen Reise durch die Unterwelt muss Re schließlich den Schlangengott Apophis/Apepi besiegen, damit die Sonne aufs Neue aufgehen kann, wobei ihn der Gott Seth (eines der Kinder Nuts) unterstützt.

anonym, Maat, gemeinfrei, Wikimedia Commons

Tagsüber wird Re auf seiner Reise durch den Himmel von seiner Tochter Maat begleitet, die nicht nur seine Lieblingstochter ist, sondern auch eines der wichtigsten Prinzipien der ägyptischen Mythologie verkörpert: ihr Name entspricht dem altägyptischen Wort für „Wahrheit, Gerechtigkeit, Ordnung oder Gleichgewicht“. Die Alten Ägypter waren überzeugt, dass ihre Seele nach dem körperlichen Tod mit der Feder der Maat auf einer Waage gegenüber gestellt würde, und dass der Ausschlag dieser Waage über das endgültige Schicksal ihrer Seele entschied. Diesen Prozess und die Unterwelt an sich sollten wir jedoch in Ruhe im nächsten Wissenshappen beleuchten.

Fortsetzung folgt!

Mit diesem vorhergehenden Satz habe ich einen wunderbaren Cliffhanger zum nächsten Beitrag geschaffen. Und so wie Re jeden Morgen aus der Unterwelt zurückkehrt, freue auch ich mich, wenn ihr in 14 Tagen wieder auf diesem Blog vorbeischaut!

(Hier findet ihr nun die Fortsetzung dieser Mini-Serie, in der ihr mehr über die ägyptischen Götter und ihre Irrungen und Wirrungen erfahrt!)

*Es existiert auch eine jugendfreie Alternative zur Masturbationsgeschichte – in dieser spuckte Re bzw. Atum in das Urchaos hinein. Dass Shu und Tefnut aus Speichel bzw. Erbrochenem erschaffen wurden, finde ich aber nur wenig appetitlicher als die oben genannte Variante.

Du möchtest dein Wissen testen? Dann nimm unbedingt am großen Wissenshappen Quiz teil!

Nachschlag?

Wikipedia (2022). In Wikipedia, die freie Enzyklopädie. Abgerufen 15. Januar 2023 von
https://de.wikipedia.org/wiki/Alt%C3%A4gyptische_Religion
Wikipedia (2022). In Wikipedia, die freie Enzyklopädie. Abgerufen 15. Januar 2023 von https://de.wikipedia.org/wiki/Auge_des_Re
Wikipedia (2022). In Wikipedia, die freie Enzyklopädie. Abgerufen 15. Januar 2023 von https://de.wikipedia.org/wiki/Maat_(%C3%A4gyptische_Mythologie)
Richter, M. (2022). Das Alte Ägypten.* Polen: Amazon Fulfillment.

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Warum gibt es diesen Wissenshappen?

Das Alte Ägypten – es gibt wohl kaum einen Menschen, der nicht irgendwann im Leben der Faszination dieser vergangenen Hochkultur erliegt. Die Welt der Pharaonen, Pyramiden und Hieroglyphen ist an sich bereits mystisch genug. Noch geheimnisvoller wird die altägyptische Kultur jedoch, wenn man in ihre komplexe Mythologie abtaucht, die aufgrund der verschiedenen Gottheiten, die über die Jahrtausende hinweg miteinander verwoben und verschmolzen wurden, einen riesigen, verwirrenden und einzigartigen Flickenteppich bildet. Doch da der beeindruckend kreative Pantheon der ägyptischen Götter eine außerordentliche religiöse Vielfalt und Toleranz verkörpert, lohnt es sich, das göttliche Gewirr aufzulösen und den Schöpfungsmythos sowie die wichtigsten Gottheiten des Alten Ägyptens zu betrachten.

Was sollte unbedingt verdaut werden?

Am Anfang war der Samen – zumindest, wenn man dem Schöpfungsmythos der Alten Ägypter glaubt. Denn kaum, dass sich der Sonnengott Re voll Sturheit selbst in die Existenz und die wässrige Urwelt Nun gewünscht hat, ergießt sich der König der Götter in die Leere des Raumes. Aus diesem Samen entstehen die Zwillinge Tefnut und Shu, die (unanständigerweise) ihrerseits die Götter Nut und Geb zeugen. Die Tränen des Re formen die Menschen, und die Welt findet ihren Platz in dem geschützten Raum, der zwischen den sich liebenden Geschwistern Nut und Geb entsteht, als diese durch ihren Vater Shu aus ihrer Umarmung befreit werden. Während Nut und Geb neue Götter zeugen (darunter die berühmten Gottheiten Osiris und Isis), macht Re sich jeden Morgen in seiner Sonnenbarke auf den Weg über den Himmel, kämpft sich nachts zurück durch die Unterwelt und lässt so die Sonne jeden Morgen neu auferstehen.

Disclaimer:
Der obenstehende Text wurde auf Grundlage der gelisteten Quellen erstellt, ist aber explizit unter Berücksichtigung der subjektiven Erkenntnisse, Vorlieben und dem persönlichen Verständnis der Autorin aufzufassen. Es handelt sich nicht um eine wissenschaftliche Ausarbeitung mit akademischen Anspruch, sondern um eine Zusammenfassung von Geschehnissen und Erzählungen nach individuellem Stil und Empfinden der Autorin. Ausnahmslos jeder Wissenshappen möchte Freude am Wissen schaffen, aber nicht als Fachliteratur verstanden werden. Über Anmerkungen, Ergänzungen, Lob oder Kritik freut sich die Autorin und lädt jeden Leser dazu ein, über die Kommentarfunktion Kontakt aufzunehmen.

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Schlagwörter: , , , Last modified: 29. Januar 2024