Written by: Geschichte Kunstgeschichte Renaissance

Magische Tiefe: Brunelleschi und die Erfindung der Zentralperspektive

Reading Time: 6 minutes

Es ist immer ratsam, die Dinge in Perspektive zu rücken, und die wenigsten Menschen haben ein Problem damit, sich selbst als Mittelpunkt allen Geschehens zu betrachten. Und so ist die Perspektive doch etwas eigentümlich Relatives, Persönliches. Dann wiederum gibt es jene Perspektiven, die Bestandteil einer kulturellen Revolution werden, im Vordergrund stehen oder gar alles in den Mittelpunkt rücken. Und auf nichts trifft dies mehr zu als die Zentralperspektive, einem der – dieser Satz bietet sich einfach an – zentralen Gestaltungselemente der Renaissance. Insbesondere progressive Künstler der beginnenden Neuzeit nutzten jenen neuartigen geometrischen Trick, um den Menschen, seine Gefühle und Individualität in den Mittelpunkt zu stellen und somit die zweidimensionalen, realitätsfernen Heiligenmalereien des Mittelalters abzulösen.

Keine Zeit? Hier gehts zur Zusammenfassung! Keinen Artikel mehr verpassen? Melde dich hier zu unserem E-Mail Newsletter an.

Von der antiken Kunst ins Mittelalter und zurück in eine Welt voller Licht, Natur und räumlicher Tiefe

Für uns moderne Menschen mag es normal sein, auf zweidimensionale Ebenen zu schauen und das Gefühl von Realität, von Raum vermittelt zu bekommen – sei es in Filmen, Videospielen, Fotografien oder computergenerierten Spielereien wie dem „Magischen Auge“ der 1990er Jahre. Doch was für uns heutzutage selbstverständlich ist, war den Menschen des ausgehenden Mittelalters vollkommen unbekannt. Denn obwohl bereits die Künstler der Antike Methoden der perspektivischen Verkürzung nutzten, um ihren Werken den Eindruck von räumlicher Tiefe zu verleihen, so ging dieses Wissen im düsteren, mittelalterlichen Europa verloren. Stilisierte, zutiefst religiös geprägte Heiligen- und Madonnengemälde zur Glorifizierung des Christentums prägten die Kunst des Mittelalters, der Glaube und die Demut der Menschen standen im Fokus.

Erst im 14. und 15. Jahrhundert revolutionierten vor allem florentinische Maler die Gestaltung ihrer Gemälde, und waren wie der Künstler Giotto (nein, nicht die italienische Süßware) als Vorreiter der Renaissance darum bemüht, den Figuren ihrer Gemälde individuelle Züge, gar erkennbare Emotionen zu verleihen. Und sie begannen durch das Spiel mit Licht und Schatten sowie erste perspektivische Verkürzungslinien einen Eindruck von Raum und Tiefe zu erzeugen. Der Mensch als Individuum, die Natur und ein tiefer Glaube an die Wissenschaft wurden zu den Leitprinzipien der künstlerischen Neuzeit im beginnenden 15. Jahrhundert, der Renaissance, also der Wiedergeburt der antiken Kunst und Errungenschaften, ergänzt um die Ideale eines weltoffenen Christentums.  

Wie aus dröger Geometrie Zauberei werden kann

anonym, Baptisteriumganz, als gemeinfrei gekennzeichnet, Details auf Wikimedia Commons

Die Begeisterung für die Lehren der Antike teilte auch der Florentiner Notarssohn Filippo Brunelleschi, der sich mit optischen und geometrischen Gesetzen beschäftigte und gleichermaßen die großen Kunstwerke des Altertums, so zum Beispiel das Pantheon in Rom, besucht und studiert hatte.

Durch mathematische und künstlerische Neugier getrieben, erstellte der Architekt und Bildhauer im Jahr 1412 eine perfekte optische Täuschung, mit der er nichtsahnende Passanten überraschte: Mit dem Rücken zum Florentiner Dom stehend, bat er diese, eine ungefähr armlange Schiene vor sich zu halten und durch ein Guckloch inmitten einer ungefähr 30 mal 30 Zentimeter großen Holzplatte zu blicken. Dem Guckloch gegenüber, am anderen Ende der Schiene, war wiederum eine kleinere Holzplatte befestigt, auf der ein Spiegel installiert war – den die Probanden jedoch nicht als solchen erkannten, da sie vielmehr das Taufhaus, das sogenannte Baptisterium, vor sich zu sehen glaubten, welches sich auch in Wirklichkeit dem Dom genau gegenüber befand. Doch der Eindruck täuschte, denn tatsächlich erblickten sie lediglich die Spiegelung einer nahezu perfekten Abbildung des Baptisteriums, die Brunelleschi auf die Rückseite der großen Holzplatte minutiös spiegelverkehrt gezeichnet hatte.

Nun können wir uns fragen, wie die damaligen Zuschauer auf eine einfache Zeichnung hereinfallen und diese mit dem echten Baptisterium verwechseln konnten – doch sollten wir, die wir uns allabendlich vermeintlich dreidimensionalen Fantasiewelten im Fernsehen und Computer hingeben, nicht so schnell mit einem Urteil zur Hand sein. Denn es gab gute Gründe für die Täuschung: zuallererst, dass sie den damaligen Menschen als Möglichkeit vollkommen unbekannt war. Darüber hinaus war die optische Täuschung genial konstruiert: durch die verspiegelte, kleinere Holzplatte, auf die der Beobachter blickte, und einen weiteren Spiegel am oberen Ende des spiegelverkehrten Abbildes des Taufhauses, konnte Brunelleschis die Bewegungen der Wolken am Himmel einfangen und in das Bild integrieren. Und letztlich ist sein Geniestreich in seiner Zeichnung selbst zu finden: die Einführung der Zentralperspektive in die Malerei.

Um einen dreidimensionalen Eindruck des Baptisteriums zu erzeugen, bediente Brunelleschi sich genauer geometrischer Berechnungen und Hilfslinien. So definierte er eine Horizontlinie, also eine waagerechte Linie, die parallel zu allen anderen waagerechten Linien des Bildes verläuft, und legte auf dieser den sogenannten Fluchtpunkt fest. In diesem Fluchtpunkt wiederum führte Brunelleschi alle in die Tiefe laufenden Linien des Bildes zusammen, innerhalb welcher er letztlich das Gebäude, die Umgebung und alle Gegenstände ausrichten und nach hinten verkürzen konnte. Für die Erstellung der Gebäudezeichnung selbst hatte Brunelleschi vermutlich ein Modell des Baptisteriums genutzt, das er wiederum durch Fäden mit sich selbst verband und auf diese Weise ein Raster erzeugte, anhand dessen er Stück für Stück seine Seheindrücke auf Staffelei bannen konnte.

Aufbruch in eine neue Zeit – auf fliehenden Linien der Wissenschaft folgend

Die Vorgehensweise Brunelleschis, sich der Regeln der Optik und Geometrie zu bedienen, ist kennzeichnend für die Epoche der Renaissance, in der Künstler und Intellektuelle den Anspruch verfolgten, die Menschen durch das Sehen zum Verstehen zu führen. Und so wurde die neue Zentralperspektive rasch von zeitgenössischen Künstlern aufgegriffen, die nun Gegenstände und Architektur in ihren möglichst realitätsnahen Gemälden eifrig in einem zentralen Fluchtpunkt nach hinten verkürzten – alles nach genauen mathematischen Berechnungen, die wir modernen Menschen nach erfolgreichem Schulabschluss möglichst schnell aus unserer Erinnerung verdrängen. Eine neue Zeit war angebrochen, in der Kunst und Wissenschaft auf meisterhafte Weise miteinander vereint wurden.

Brunelleschis Werk sollte mit der Zentralperspektive nicht abgeschlossen sein: noch heute können Besucher der Stadt Florenz die fantastische Domkuppel bewundern, die er auf fast magische Weise konstruiert hat, und die sich nach Jahrhunderten noch Stein für Stein nur mithilfe des eigenen Gewichtes hält.

Und so war Filippo Brunelleschi ein mathematisch begabter Zauberkünstler, eine zentrale Figur jener Epoche, die auch heute noch als Synonym für den Aufbruch in ein neues Zeitalter steht – obwohl oder gerade weil die Renaissance sich längst vergangener und vergessener Ideale bediente. Brunelleschis Zentralperspektive war ein Meisterwerk, das die Meisterwerke großer Künstler wie da Vinci, Michelangelo oder Raffael erst ermöglichte – und der Kunst eine weitere Dimension, den dreidimensionalen Raum, schenkte.

Dagegen können unsere Computer, Kinoleinwände und Fernseher von heute fast ein wenig alt aussehen.

 

Du möchtest dein Wissen testen? Dann nimm unbedingt am großen Wissenshappen Quiz teil!

Nachschlag?

Vahland, K. (2011). Die dritte Dimension. GEO EPOCHE EDITION Nr. 3: Renaissance – Genies feiern die Schönheit (1400-1600), 03/11, 26–37. (Affiliate Link / Werbelink zu Amazon: https://amzn.to/3Gsejay*)

Wikipedia (2022). In Wikipedia, die freie Enzyklopädie. Abgerufen 8. Mai 2022 von https://de.wikipedia.org/wiki/Filippo_Brunelleschi

*Hierbei handelt es sich um einen Amazon Affiliate Link / Werbelink. Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Verkäufen.

Warum gibt es diesen Wissenshappen?

Für uns moderne Menschen ist es selbstverständlich, die (mediale) Welt in 3D zu erleben – in Filmen, Videospielen oder gar beim Drucken in 3D. Dabei vergessen wir jedoch, dass der räumliche Eindruck und das Bemühen um Realität in der Kunst nicht selbstverständlich ist – und tatsächlich (wieder-) gefunden werden musste. So waren im Mittelalter nicht nur die Menschenrechte verschütt geraten, sondern auch ein Großteil der künstlerischen Erkenntnisse der Antike, darunter mathematische Kniffe und perspektivische Methoden zur Erzeugung eines räumlichen Empfindens. Erst der Florentiner Goldschmied, Bildhauer und Architekt Filippo Brunelleschi sollte die dritte Dimension zurück auf die Leinwand bringen – mit Hilfe der von ihm erfundenen Zentralperspektive.

Was sollte unbedingt verdaut werden?

Im Jahre 1412 wagte Brunelleschi ein künstlerisches Experiment, in dem er ahnungslose Passanten vor dem Florentiner Dom glauben ließ, dass sie durch das Loch in einer vorgehaltenen Holzplatte auf das gegenüberliegende Taufhaus blickten – obwohl sie lediglich eine Zeichnung ebenjenes Gebäudes gespiegelt bekamen. Dabei perfektionierten nicht allein die raffinierten Spiegelkonstruktionen die optische Täuschung; vielmehr war es die von ihm entwickelte Zentralperspektive, also die perspektivische Verkürzung aller in die Tiefe laufenden Linien des Gemäldes in einem einzigen Fluchtpunkt, welche die Zuschauer hinter das Licht führte. Aufbauend auf mathematischen Erkenntnissen der Antike führte Brunelleschi die Kunst in die frühe Neuzeit, die Renaissance, in der sich die großen Meister jener Epoche seines geometrischen Zaubertricks bedienten und dem Streben folgten, den Menschen und die Natur in Einklang zu bringen und in den Mittelpunkt ihrer Kunst zu rücken.

[sibwp_form id=1]

Disclaimer:
Der obenstehende Text wurde auf Grundlage der gelisteten Quellen erstellt, ist aber explizit unter Berücksichtigung der subjektiven Erkenntnisse, Vorlieben und dem persönlichen Verständnis der Autorin aufzufassen. Es handelt sich nicht um eine wissenschaftliche Ausarbeitung mit akademischen Anspruch, sondern um eine Zusammenfassung von Geschehnissen und Erzählungen nach individuellem Stil und Empfinden der Autorin. Ausnahmslos jeder Wissenshappen möchte Freude am Wissen schaffen, aber nicht als Fachliteratur verstanden werden. Über Anmerkungen, Ergänzungen, Lob oder Kritik freut sich die Autorin und lädt jeden Leser dazu ein, über die Kommentarfunktion Kontakt aufzunehmen.

(Visited 777 times, 2 visits today)
Last modified: 14. August 2022