Written by: Biologie Naturwissenschaften

Wer hat Angst vorm Weißen Hai? Das mystische Urmonster & seine verborgenen Talente

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Um die Antwort auf die Frage in der Überschrift vorwegzunehmen: ich. Ich habe Angst vor Haien, und natürlich ganz besonders vor Weißen Haien – und dass, obwohl ich ihnen bisher noch nicht selbst begegnet bin. Meine einzigen Haibegegnungen beschränken sich auf ein paar friedliche Schwarzspitzen-Riffhaie in den traumhaften Gewässern rund um die Malediven. Und auch diese vergleichsweise kleinen Vertreter ihrer Art haben mich bereits in Angst und Schrecken versetzt. Darauf bin ich alles andere als stolz, denn selbstverständlich hat sich keines dieser beeindruckenden Tiere aggressiv verhalten – und in keiner Weise so hysterisch und panisch wie ich.

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Schwarzspitzen-Riffhai auf den Malediven (private Aufnahme)

Und auch die Statistiken beweisen, dass die Angst vor Haien ziemlich unbegründet ist: im Jahr 2022 wurden weltweit 108 Haiangriffe und „nur“ 9 Todesfälle verzeichnet, von denen 57 auf unprovozierte Angriffe (also ohne Mitschuld des Menschen) mit 5 Toten entfielen. Diese überschaubaren Zahlen liegen sogar unterhalb des Fünfjahresdurchschnitts mit immerhin 70 unprovozierten jährlichen Angriffen und 6 Todesfällen und setzten damit den Trend sinkender Angriffszahlen konsequent fort. Die Wahrscheinlichkeit, von einem Hai angegriffen und getötet zu werden, ist äußerst gering – sie liegt bei 1 zu 4,3 Millionen. Im Vergleich dazu ist das Risiko, beim Selfie machen zu sterben, viel höher. Im Jahr 2022 starben beispielsweise neun Menschen bei Selfie-Unfällen, während im Jahr 2021 sogar 24 Todesfälle verzeichnet wurden. (Wer diesen Wahnsinn nicht glauben möchte, kann sich gerne von diesem recht unterhaltsamen Wikipedia-Artikel überzeugen lassen).

Nahrung To-Go? – Das mysteriöse „White Shark Café“

Die Zahlen sind eindeutig, doch meine Angst bleibt – sicherlich auch aus dem einfachen Grund, dass ich mich nicht ernsthaft mit ihr auseinander setzen muss. So ganz ohne regelmäßigen Hai-Kontakt kann ich mir ein bisschen Irrationalität einfach leisten. Und bei dem Gedanken an den Weißen Hai, der unfassbar massig und gleichzeitig schwerelos die dunklen Weiten des Meeres durchquert, läuft mir einfach ein kalter Schauer über den Rücken.

Wer diese düstere Szene genauso fürchtet wie ich, der sollte unbedingt von einem Besuch des berühmtberüchtigten „White Shark Café“ absehen. Hinter diesem Namen verbirgt sich nicht etwa eine hippe Strandbar, sondern vielmehr ein geheimnisvoller Ort in den Weiten des Pazifischen Ozeans, irgendwo zwischen Hawaii und Kalifornien, an dem sich Weiße Haie aus aller Welt in den Tiefen des Meeres treffen um… na ja, wir wissen es nicht genau – irgendwas zu tun. GPS-Daten gechippter Haie lassen mittlerweile vermuten, dass sie in Tiefen von 400 bis knapp 1.000 Meter hin- und herschwimmen, um Nahrung aufzunehmen. Lange Zeit wurde jedoch vermutet, dass sie sich an diesem mysteriösen Ort paaren oder gar ihren Nachwuchs zur Welt bringen (ein Ereignis, das übrigens noch kein Mensch beobachten konnte).

Klingt gruselig? Definitiv. Gleichzeitig zeigt uns das Beispiel des Shark Cafés aber auch, wie wenig wir über Haie wissen. Und dieses Unwissen trägt mit Sicherheit zu einem Großteil unseres Unwohlseins oder gar unserer Angst gegenüber diesen majestätischen Raubfischen bei. Da der Mensch bekanntermaßen mit Vorliebe das vernichtet, was er fürchtet, ist dieses Unwissen für Haie aber auch tödlich: jedes Jahr jagen und vernichten wir Menschen mehr als 100 Millionen Haie. Ein Hai ist also einem ungleich höheren Risiko ausgesetzt, von einem Menschen getötet zu werden, als umgekehrt.

Aus diesem Grund ist es wichtig, dass wir uns der Angst stellen und uns mit jenen Fakten beschäftigen, die über die wundersamen Knorpelfische bekannt sind. In der Hoffnung, dass Marie Curie Recht hat mit ihrer Annahme:

„Was man zu verstehen gelernt hat, fürchtet man nicht mehr.“

Vielleicht ereilt uns Menschen doch noch die Vernunft, wenn wir Haie als jenes Wunder der Natur verstehen, das sie tatsächlich sind – und möglicherweise kann auch ich durch mehr Verständnis und Wissen meine irrationale Furcht irgendwann überwinden. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass ich doch einmal einem Weißen Hai im offenen Meer begegne und die Ruhe bewahren muss.

Groß, größer – Megalodon

Haie, die unter dem wissenschaftlichen Namen Selachii geführt werden, zählen zu der Klasse der Knorpelfische. Bereits seit 400 Millionen Jahren durchqueren sie an der Spitze der Nahrungskette die Meere dieses Planeten und existieren damit weitaus länger als die ältesten Vertreter unserer eigenen Gattung, der Hominini, die vor ca. 2,5 Millionen Jahren die Weltbühne betraten. Und im Gegensatz zu uns, die wir uns seit dem Auftauchen des Homo Sapiens vor ca. 300.000 Jahren mal mehr oder weniger evolutionär weiterentwickelt haben, sind Haie bereits seit schätzungsweise 150 Millionen Jahren bestens an ihre Umwelt angepasst und konnten dadurch vier der fünf großen Massensterben in der Erdgeschichte erfolgreich überleben.

Doch die Evolutionsgeschichte der Haie ist natürlich nicht gänzlich ohne Verlierer: zu den bekanntesten – oder besser gesagt, berüchtigtsten – Verlierern gehört zweifellos der unglaubliche Megalodon. Dieses Urmonster, das auch heute noch gerne in zweitklassigen Haifilmen auftaucht und optisch vermutlich dem Weißen Hai ähnelte, erreichte eine unfassbare Länge von bis zu 16 (oder 20 Metern) und durchstreifte mit Vorliebe die warmen Gewässer vor den Küsten der Urkontinente. Doch keine Sorge: der Megalodon starb bereits vor 3,6 Millionen Jahren aus und musste somit diesen Planeten niemals mit den Menschen teilen. Und wenn doch, so hätten wir bekanntermaßen alles versucht, um diese unliebsame Spezies auszurotten – insofern ist Megalodon vielleicht sogar ein Gewinner der Evolution.

Den Platz als größter Raubfisch hält seit Verschwinden des Megalodons natürlich nur einer: der Weiße Hai. Dieses beeindruckende und für mich so beängstigende Raubtier erreicht zwar keine Länge von 16 Metern, fällt jedoch mit einer Maximallänge von 6 Metern alles andere als klein aus. Das größte bekannte Hai-Weibchen wird sogar auf eine Länge von 6,1 Metern geschätzt, ist vermutlich mehr als 50 Jahre alt und hört mittlerweile auf den Namen „Deep Blue“. Weiße Haie, die außer den Menschen und Orcas keine Fressfeinde kennen, sind in fast allen Weltmeeren zuhause und tummeln sich in allen Wassertiefen – von nur wenigen Metern unterhalb der Wasseroberfläche bis hin zu 1.200 Metern Tiefe. Nur in der Arktis, Antarktis, dem Schwarzen Meer und der Ostsee sind sie beruhigender Weise nicht anzutreffen.

Eine Haut aus Zähnen und Leber voller Fett

Auch wenn der Weiße Hai auf mich eine besondere Faszination ausübt, soll nicht vergessen werden, dass weltweit mehr als 500 Haiarten existieren – obwohl wir uns Dank abartiger Ernährungsgewohnheiten und idiotischer Überzeugungen alle Mühe geben, die meisten von ihnen auszurotten. Und die Artenvielfalt ist faszinierend: vom winzigen Zwerg-Laternenhai, der nur 16 bis 20 Zentimeter misst, bis hin zum Walhai, der mit bis zu 13 Metern nicht nur als größte lebende Haiart, sondern auch als größter Fisch weltweit gilt, existieren Haie in nahezu allen Größen und Formen – und mit unterschiedlichsten Ernährungsgewohnheiten, die von vegan über vegetarisch, pescetarisch bis hin zu omnivor reichen.

Noémie – Gautier – Adrien – Quentin, Peau-de-requin, CC BY-SA 4.0

Das Besondere an Haien ist aber nicht nur ihre Artenvielfalt. Vielmehr sind es ihre oftmals einzigartigen physiologischen Eigenschaften, die zu ihrem evolutionären Erfolg beigetragen haben und sie von den meisten anderen Fischarten auf beeindruckende Weise abgrenzen. So sorgt beispielsweise ihr Skelett aus Knorpel dafür, dass sie schneller schwimmen können als Fische mit einem Knochenskelett. Doch nicht nur das: auch ihre Haut unterscheidet sie von anderen Fischen. Statt mit „klassischen“ Schuppen aus Knochenplatten bedeckt zu sein, ist die Haut der Haie von winzigen „Hautzähnen“ überzogen. Diese bieten nicht nur Schutz und Tarnung, sondern reduzieren auch die Reibung des Wassers und ermöglichen es ihnen, noch schneller durch das Meer zu gleiten.

Neben ihrer speziellen Haut zeichnen sich Haie aber noch durch eine weitere Besonderheit aus: sie besitzen keine Schwimmblase. Für ihren Auftrieb sorgt stattdessen ihre besonders fetthaltige Leber, die bis zu einem Viertel ihres Körpergewichts ausmacht und es ihnen ermöglicht, schneller zu schwimmen und die Schwimmtiefe zu verändern als andere Fische. Der einzige Nachteil dieser Auftriebssteuerung liegt darin, dass Haie sich ständig bewegen müssen, um nicht abzusinken.

Haie, die sensiblen Supertalente

Wenn wir über die beeindruckenden Eigenschaften der Haie sprechen, dürfen wir natürlich nicht ihre ausgezeichneten Sinne vergessen. Jeder von uns hat schon mal gehört, dass Haie einen Tropfen Blut im Ozean riechen und damit ihr hilfloses Opfer, egal ob Fisch oder Mensch, gnadenlos aufzuspüren können. Diese Behauptung ist natürlich maßlos übertrieben, denn tatsächlich riechen Haie einen Tropfen Blut auf maximal einen Kilometer Entfernung – das jedoch in extrem starker Verdünnung und ungefähr 10.000-mal besser als wir Menschen. Neben ihrer empfindlichen Nase verfügen Haie zudem über sehr gute Augen, mit denen sie in der Dämmerung besser sehen als Katzen und die sie zum Schutz mit einem zusätzlichen Augenlid bedecken oder gar nach hinten drehen können. Und wenn sie ihre Nase und Augen mal im Stich lassen sollten, können sie sich immer noch auf ihr Seitenlinienorgan verlassen, das mittels spezialisierter Rezeptorzellen die Wahrnehmung kaum bemerkbarer Bewegungen und Schallwellen im Wasser ermöglicht.

Die berühmteste Fähigkeit von Haien ist jedoch ihr besonderer elektrischer Spürsinn, mit dem sie die bioelektrische „Aura“ von potenziellen Beutetieren wahrnehmen können. Grund hierfür sind die sogenannten Lorenzinischen Ampullen, die aus winzigen knöchernen, gallertgefüllten Kanälen bestehen und mit Nervenzellen bestückt sind, die auf elektrische Reize reagieren. Eine Superkraft, über die nur Haie, Rochen und Seekatzen verfügen.

Meine Lieblingsfähigkeit der Haie ist aber weitaus unbekannter als ihre oft gerühmten Supersinne, dafür umso praktischer: wenn sie etwas Unverdauliches oder Schädliches zu sich nehmen (und das tun insbesondere Tigerhaie, die gerne mal menschenerzeugten Müll verschlucken), können sie sich zwar nicht auf klassische Weise erbrechen, dafür aber ihren gesamten Magen ausspucken. Nachdem sie ihn ein paar Mal im Wasser geschüttelt haben, schlucken sie das gereinigte Organ einfach wieder herunter – und schon kann weiter gefressen werden!

Braunbären – die neuen Haie?

In einer Welt, in der immer alle anders sein wollen, sind Haie genau das: anders. Und mit all diesem faszinierenden Wissen über ihre einzigartigen Fähigkeiten sollte ich meine Haltung gegenüber diesen besonderen Fischen tatsächlich überdenken.

Und wenn ich meinen Blick auf unsere italienischen Nachbarn und ihr besonderes Zuchtprojekt im Trentino richte, findet sich vielleicht bereits das nächste Raubtier, auf das ich meine Angst verlagern könnte: Bären.

Doch das soll Stoff für einen anderen Wissenshappen liefern.

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Nachschlag?

Skerry, B. (2017). Shark*. Washington, D.C., USA: National Geographic.

Pinson, J. (2023, 06. Februar). Shark bites tied for 10-year low in 2022 but spiked in regional hotspots. Abgerufen 15. April 2023 von https://www.floridamuseum.ufl.edu/science/shark-bites-tied-for-10-year-low-in-2022-but-spiked-in-regional-hotspots/

Florida Museum of Natural History, International Shark Attack Files (2022, 19. Juli). Annual Risk Of Death During One’s Lifetime. Abgerufen 15. April 2023 von https://www.floridamuseum.ufl.edu/shark-attacks/odds/compare-risk/death/

Wikipedia (2023). In Wikipedia, die freie Enzyklopädie. Abgerufen 15. April 2023 von https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_selfie-related_injuries_and_deaths, https://de.wikipedia.org/wiki/Haie

Nuñez del Prado, M. (2023, 08. Februar). How Many Sharks Are Killed Each Year? Abgerufen 08. April 2023 von https://sentientmedia.org/how-many-sharks-are-killed/

People for the Ethical Treatment of Animals (o.D.). Sink Your Teeth Into These Shark Facts From ‘Animalkind’ and Elsewhere. Abgerufen 09. April von https://www.peta.org/features/sharks/

Hai-Stiftung (o.D.). Die 7 Sinne der Haie. Abgerufen 15. April von https://hai.swiss/haie/biologie/7-sinne

Olvera, K. (2022, 18. Dezember). The interesting reason why sharks spit out their entire stomach. Abgerufen 16 April von https://www.grunge.com/1137504/the-interesting-reason-why-sharks-spit-out-their-entire-stomach/

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Warum gibt es diesen Wissenshappen?

Haie – so wenig über die majestätischen Knorpelfische bekannt ist, die seit 400 Millionen Jahren die Nahrungskette dominieren, so groß ist doch die Angst vor diesen oft zahnbesetzten Raubfischen, die nahezu alle Weltmeere bewohnen. Und diese Angst ist leider tödlich: jedes Jahr sterben ca. 100 Millionen Exemplare der weltweit über 500 unterschiedlichen Haiarten durch die Hände der Menschen, die sie aufgrund falscher Überzeugungen, idiotischer Ernährungsgewohnheiten, Ignoranz und schlichter Furcht gnadenlos jagen. Um diese mystischen Tiere und damit das ökologische Gleichgewicht der Ozeane zu schützen, ist es wichtig, dass wir unsere Urangst überwinden, uns mit ihren Geheimnissen und erstaunlichen Fähigkeiten beschäftigen und endlich erkennen, dass der Homo Sapiens vieles ist – aber letztlich nicht die Krone der Schöpfung.

Was sollte unbedingt verdaut werden?

In einer Welt, in der immer alle anders sein wollen, sind Haie genau das: anders als die meisten Fische. Bereits seit 400 Millionen Jahren durchstreifen diese besonderen Knorpelfische unsere Weltmeere, überlebten vier Massensterben der Erdgeschichte und sind seit Jahrmillionen aufgrund ihrer einzigartigen Fähigkeiten bestens an ihre Umgebung angepasst. Zu ihren besonderen Sinnen zählt nicht nur das Seitenlinienorgan, durch das sie Druck- und Schallwellen im Wasser erfühlen, sondern insbesondere ihr elektrischer Spürsinn, mit dessen Hilfe sie die bioelektrische Aura von Lebewesen wahrnehmen können. Und auch das knorpelhaltige Skelett und die fettreiche Leber der Haie unterscheiden sie von anderen Fischarten und ermöglichen es ihnen, sich besonders schnell und wendig durch die Ozeane zu bewegen – auf der Suche nach einem neuen Opfer, bei dem es sich, entgegen allen Legenden, nur in den seltensten Ausnahmefällen um einen Menschen handelt.

Disclaimer:
Der obenstehende Text wurde auf Grundlage der gelisteten Quellen erstellt, ist aber explizit unter Berücksichtigung der subjektiven Erkenntnisse, Vorlieben und dem persönlichen Verständnis der Autorin aufzufassen. Es handelt sich nicht um eine wissenschaftliche Ausarbeitung mit akademischen Anspruch, sondern um eine Zusammenfassung von Geschehnissen und Erzählungen nach individuellem Stil und Empfinden der Autorin. Ausnahmslos jeder Wissenshappen möchte Freude am Wissen schaffen, aber nicht als Fachliteratur verstanden werden. Über Anmerkungen, Ergänzungen, Lob oder Kritik freut sich die Autorin und lädt jeden Leser dazu ein, über die Kommentarfunktion Kontakt aufzunehmen.

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Schlagwörter: , , Last modified: 12. September 2023