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Wenn der Tod Geschichte schreibt: Das unbekannte Sterben bekannter Persönlichkeiten Teil I

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Die großen historischen Persönlichkeiten, über die wir lesen und lernen, sind – fast schon per Definition – allesamt tot. Der Tod gehört einfach dazu, wenn man in die Geschichte eingehen möchte, vergleichbar mit der Existenz der Hauptfigur eines Buches, die erst mit Abschluss der Geschichte zur Veröffentlichung kommen kann. Doch so naturgemäß wie das Sterben zur Geschichte dazu gehört, so selten wissen wir eigentlich, auf welche Art und Weise jene Frauen und Männer, die den Lauf der Welt beeinflusst haben, das Zeitliche segneten. Und so manches Mal bietet ihr Ableben den Stoff für ganz eigene Geschichten – auch wenn natürlich niemand aufgrund seines Todes in Erinnerung bleiben möchten. Da die Persönlichkeiten, über die hier berichtet werden soll, jedoch ausreichend großartige Leistungen vollbracht haben, wollen wir es uns erlauben, in dieser Wissenshappen-Serie einen Blick auf die etwas unrühmlicheren Seiten des Seins bzw. Nicht(mehr)seins zu werfen.

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Albert Einstein oder: Die konservierte Aorta

Wir alle kennen Albert Einstein als den Vater der Relativitätstheorie, der mit seiner berühmten Formel E=mc2 das Verständnis des Universums revolutionierte. Sein Konterfei ist jedem Schulkind bekannt, die wirren Haare und die ausgestreckte Zunge haben wir sicherlich alle in diesem Augenblick im Kopf. Doch Einstein war natürlich nicht nur ein unvergleichlich genialer und eigensinniger Kopf, er war eine komplexe Persönlichkeit, ein wankelmütiger Liebhaber, strenger Familienvater – und zu einem nicht unbedeutenden Teil ein Stückchen Verpackungsmaterial.

Bundesarchiv, Bild 183-19000-1918 / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 183-19000-1918, Albert Einstein, CC BY-SA 3.0 DE

Was verrückt klingen mag, ist schnell erklärt: Wie viele seiner Zeitgenossen rauchte Einstein sein Leben lang Pfeife, aß zudem eher ungesund und machte niemals Sport – und führte somit einen nicht gerade gesunden Lebensstil, der nicht ohne Folgen bleiben sollte: Die Gefäßwände seiner großen Körperschlagader verloren im höheren Alter zunehmend an Festigkeit, so dass das (mit hohem Druck) hindurchfließende Blut mit der Zeit eine große Aussackung seiner Bauchschlagader verursachte, ein sogenanntes abdominales Aortenaneurysma (kurz: AAA). Und als er sich im Jahr 1948 nach wiederholten Schmerzen und einem Ohnmachtsanfall schließlich in medizinische Behandlung begab, hatte dieses Aneurysma bereits die Größe einer Grapefruit angenommen – die strapazierten Gefäßwände konnten jederzeit reißen und lebensbedrohliche innere Blutungen verursachen.

Die Chirurgie der 1940er-Jahre kannte für die Heilung eines AAAs noch keine langfristigen Lösungen; doch der berühmteste Wissenschaftler aller Zeiten sollte selbstverständlich in den Genuss der damals modernsten Behandlungsmethoden kommen: Und so wurde Einstein einer gewagten Bauchoperation unterzogen, bei der das AAA in Zellophan (ja, das Verpackungsmaterial, in das wir auch heute noch Süßigkeiten und Zigaretten schweißen) gewickelt wurde, in der Hoffnung, dass sich durch das körperfremde Material kräftiges Narbengewebe zur Stabilisierung bilden würde.

Auch wenn es sich bei dieser Methode um eine reine Verzweiflungstat ohne nachweislichen Effekt handelte, sollte Einstein allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz noch weitere sieben Jahre überleben. Bis eines Tages die Gefäßwände – trotz Kunststoffverpackung – ihren Dienst versagten und der große Physiker ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Dort wurde ihm eine weitere OP angeboten, die nun, sieben Jahre nach dem ersten Versuch, deutlich moderneren Methoden folgte und echte Erfolgschancen bot. Doch Einstein war des Lebens müde, lehnte den Eingriff mit den Worten „Es ist geschmacklos, das Leben künstlich zu verlängern.“ ab und verließ die große Weltbühne letztlich am 18. April 1955.

Die (mittlerweile biologisch abgebaute) Zellophanhülle spielte bei der anschließenden Obduktion keine Rolle mehr – stattdessen wurde sein geniales Gehirn auf der Suche nach dem physiologischen Ursprung seiner Geisteskraft seziert. Nur um festzustellen, dass seine graue Masse um 300 Gramm leichter war als die eines Durchschnittsmenschen.

George Washington oder: Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht

In früheren Zeiten war die Welt in mancher Hinsicht eine einfachere – weniger komplex, vernetzt und spezialisiert wie unsere heutige. In makabrer Hinsicht trifft dies auch auf die Medizin und ihre Behandlungsmethoden zu. Wer heute von Facharzt zu Facharzt, Spezialist zu Spezialist und Praxis zu Praxis tingelt, fand früher meist recht einfach und unkompliziert Abhilfe für den Großteil aller Wehwehchen: den berühmten Aderlass.

Beim Aderlass handelt es sich um einen chirurgischen Eingriff, bei dem durch einen Schnitt in die Armbeuge „böses“, d.h. durch Infektion oder Krankheit verunreinigtes Blut, dem Körper entzogen und somit die Heilung herbeigeführt werden sollte. Die Behandlungsmethode hat keinerlei nachweisbare Wirksamkeit und entstammt der überraschenden Unkenntnis mittelalterlicher Ärzte, die letztlich keine Ahnung davon hatten, was genau sie eigentlich taten und was es mit Bakterien, Viren und Keimen auf sich haben könnte. Doch bevor diese Prozedur Ende des 18. Jahrhunderts endlich aus den Behandlungsplänen und Köpfen verschwinden sollte, forderte sie unzählige Opfer aufgrund des starken Blutverlustes, der an sich bereits tödlich sein konnte oder aber geschwächten Patienten schlicht und einfach den letzten Rest gab.

Zu einem dieser unseligen Opfer gehörte George Washington, einer der Gründungsväter und erster Präsident der Vereinigten Staaten. Washington, der auf seiner Plantage in Mount Vernon südlich der neuen amerikanischen Hauptstadt seinen Ruhestand verbrachte, wachte am 13. Dezember 1799 mit starken Halsschmerzen auf, die sich über den Tag hinweg (den er unvernünftiger Weise zu dünn gekleidet an der frischen Luft verbrachte) verschlimmerten und letztlich durch Fieber ergänzt wurden. Die Lösung lag jedoch schnell zur Hand – der Präsident wurde zur Ader gelassen. Doch auch nachdem er in wenigen Stunden mehrere Liter Blut verloren hatte und kaum noch Luft bekam, konnten sich seine Ärzte auf keine alternative Behandlungsmethode einigen. Ein Luftröhrenschnitt, der als einzige Methode dem Patienten hätte Linderung verschaffen können, wurde als Option vehement abgelehnt.

Nach Stunden dieser elaborierten ärztlichen Behandlung war George Washington derart blutleer und entkräftet, dass er nicht einmal mehr aufrecht sitzen konnte – obwohl diese Haltung das Atmen hätte erleichtern können. Nicht einmal zu einer panischen Reaktion auf das langsame Ersticken war der Präsident mehr fähig, und so verstarb er kraftlos und zu Tode therapiert am Abend des 14. Dezembers 1799 im Alter von 68 Jahren an nichts anderem als einer schlichten Halsentzündung, durch die sein Kehldeckel so angeschwollen war, dass er die Luftröhre blockierte.

George Washingtons Tod war im Übrigen nicht der einzige kuriose Todesfall rund um die amerikanischen Gründungsväter: Wie auf geheime Absprache und in perfekter Harmonie starben John Adams und Thomas Jefferson, ihrerseits zweiter sowie dritter US-Präsident, jeweils am 04. Juli 1826 – auf den Tag genau 50 Jahre nach Verabschiedung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung.

Und so endet dieser Wissenshappen mit der Erkenntnis, dass auch im Tode die ein oder andere Erkenntnis zu finden ist und jedes Ende einer (menschlichen) Geschichte eine eigene Geschichte wert sein kann. Und daher soll diese Wissenshappen-Serie hier erst ihren Anfang nehmen, und noch lange nicht ihr eigenes Ende finden.

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Nachschlag?

The White House (o.D.). George Washington – The First President of the United States. Abgerufen 15. Juli 2022 von https://www.whitehouse.gov/about-the-white-house/presidents/george-washington/

Van de Laar, A. (2014). Schnitt! Die ganze Geschichte der Chirurgie erzählt in 28 Operationen*(Vollständige Taschenbuchausgabe November 2016, S. 48-49, 208-218, S. 264-266). München, Deutschland: Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Wulf, A. (2016). Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur* (14. Auflage, S. 245). München, Deutschland: C. Bertelsmann.

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Warum gibt es diesen Wissenshappen?

Vieles ist bekannt über das Leben großer historischer Persönlichkeiten, ihren Werdegang, ihre Taten und gerne auch ihr Privatleben. Doch viel zu selten wissen wir eigentlich, wie diese Menschen am Ende ihres großen Lebens das Zeitliche segneten. Manche Todesfälle sind kurios oder unnötig, andere wiederum lehrreich oder einzigartig – und viele verdienen ihre eigene Geschichte.

Was sollte unbedingt verdaut werden?

Auch wenn wir Albert Einstein als Vater der Relativitätstheorie kennen, so war er nicht nur einer der genialsten Wissenschaftler aller Zeiten – sondern auch zu einem gewissen Teil ein Stückchen Zellophan, das ihm zur Stabilisierung eines Aneurysmas seiner Bauchschlagader eingesetzt wurde. Und auch wenn dieses außergewöhnliche Implantat nichts zur Heilung seiner lebensbedrohlichen Gefäßerkrankung beitragen konnte, so überlebte der große Physiker aller Wahrscheinlichkeit zum Trotz einige weitere Jahre, bis er letztlich am 18. April 1955 in Folge innerer Blutungen starb. Im Gegensatz zu Einstein, der die besten Behandlungsmöglichkeiten seiner Zeit erhielt, fiel George Washington, der erste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, der beliebtesten chirurgischen Prozedur seiner Zeit zum Opfer: dem Aderlass. Völlig entkräftet durch den herbeigeführten Verlust mehrerer Liter Blut starb der pensionierte Staatsmann am 14. Dezember 1799 an nichts anderem als einer Halsentzündung, die seine Luftröhre blockierte. Ein lebensrettender Luftröhrenschnitt war von seinem blutbegeisterten Ärzteteam kategorisch ausgeschlossen worden.

Disclaimer:
Der obenstehende Text wurde auf Grundlage der gelisteten Quellen erstellt, ist aber explizit unter Berücksichtigung der subjektiven Erkenntnisse, Vorlieben und dem persönlichen Verständnis der Autorin aufzufassen. Es handelt sich nicht um eine wissenschaftliche Ausarbeitung mit akademischen Anspruch, sondern um eine Zusammenfassung von Geschehnissen und Erzählungen nach individuellem Stil und Empfinden der Autorin. Ausnahmslos jeder Wissenshappen möchte Freude am Wissen schaffen, aber nicht als Fachliteratur verstanden werden. Über Anmerkungen, Ergänzungen, Lob oder Kritik freut sich die Autorin und lädt jeden Leser dazu ein, über die Kommentarfunktion Kontakt aufzunehmen.

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Last modified: 29. Januar 2024